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Der folgende Artikel stammt aus dem Buch:

 

Reclam Praktisches Wissen - Herausgegeben unter Mitarbeit erster Fachgelehrter, Leipzig, 1927

 

Die Vermutung, dass Absagebriefe eine Zeitgeisterscheinung des PC-Zeitalters sind, dürfte demnach widerlegt sein. Es ist köstlich geschrieben - und ein kleiner Trost für frustrierte Autoren im 21. Jahrhundert ...

Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

Warum bekomme ich mein Manuskript zurück?

 

Von Zeit zu Zeit flieht ein Schriftsteller in die Öffentlichkeit, indem er einen herzzerreißenden Notschrei über die Schriftleiter ausstößt. Sie sitzen, so berichtet er der Welt, rohen Herzens und ungerührt vor einem Berge ungelesener Manuskripte, lassen ihn vergletschern und die armen, im Hintergrunde wartenden Autoren mit kaltem Grinsen verhungern.

Wohlverstanden: Der Notschrei geht von einem Schriftsteller aus; also von jemand, der doch Bescheid wissen muß! Wer das dann liest und gelegentlich im Nebenberufe auch „gedichtet“ hat, stimmt begeistert zu: „Ja, nun verstehe ich, warum ich all meine Einsendungen an die Redaktionen mit einem gedruckten Ablehnungswische nach endlos langer Zeit zurückerhalten habe.“

Da hundertmal mehr eingeschickt wird, als angenommen werden kann, schimpft alle Welt auf die Schriftleiter.

Der Schriftleiter nimmt auf der Anklagebank Platz und spricht mit sanfter Stimme: Sie bekommen Ihr Manuskript zurück? Ich will Ihnen helfen, indem ich Ihnen sieben Wege weise, wie Sie am schnellsten und besten Ihr geistiges Eigentum verwerten können.

 

Erstens: 

Sie schreiben über ein Thema, das Ihrem Herzen teuer ist, in unaufhaltsamer Inspiration, und wenn dreitausend Zeilen beisammen sind, so setzen Sie fröhlich den Schlußpunkt dahinter und schicken das Ganze vertrauensvoll an Ihr Lieblingsblatt ein. Besser wäre es gewesen, wenn Sie einmal vor der Absendung Ihres Manuskriptes die Zeilen nachgezählt hätten, die „unterm Strich“ täglich zur Verfügung stehen. Dann hätten Sie ohne Zweifel bemerkt, daß Sie den Raum um das Sechsfache überschritten haben. Sie müssen Ihr Manuskript an Schriftleitungen einsenden, bei denen genügend Platz für die Veröffentlichung ist.

 

Zweitens: 

Sie schicken fünf Manuskripte  auf einmal, ohne zu ahnen, wie überfüllt die Redaktionsmappen sind und in wie großen Zeitabständen ein Autornamen wiederkehren darf. Wenn Sie die fünf Manuskripte auf fünf Redaktionen verteilen, haben Sie viel mehr Aussicht auf Erfolg.

 

Drittens: 

Sie bieten einen Bericht über den großen Prozeß in Hamburg an. Aber Sie haben nicht vorher angefragt, ob die Zeitung oder Zeitschrift in Hamburg zufällig ein ganzes Bureau unterhält, und ob nicht längst mit den Vertretern die Reihenfolge ihrer Prozeßberichte verabredet wurde.

 

Viertens: 

Sie reichen einen Aufsatz zur Erinnerung an die Schlacht von Sedan bei einem pazifistischen Organ ein; eine schwül-erotische Novelle bei einem Familienblatt; eine fachgelehrte Studie mit anspruchsvollen Voraussetzungen bei einem volkstümlichen Blatte – wozu erst lange nachdenken, ob das Angebot in die Atmosphäre der Redaktion paßt? Wenn Sie jedoch Ihr Manuskript nicht zurückerhalten wollen, müssen Sie erst nachdenken! Solche schöne Sachen wie Zufall und Glück gibt es nicht für Schriftbeflissene.

 

Fünftens: 

Es ist unnütz, wenn Sie einen Jubiläumsartikel zum hundertsten Geburtstage des großen X. so einsenden, daß er am Morgen des Festtages bei der Zeitung eintrifft. Bis dahin sind sieben andere, früher aufstehende Rivalen bereits abgewiesen worden, und der ausgewählte Aufsatz stand am Abend vor der Ankunft Ihres Manuskriptes schon im Blatte.

 

Sechstens: 

Das Gesetz der Aktualität, das Sie an dem Jubiläumstage verletzt haben, das heiligste Gesetz der Presse, bietet noch mehr Angriffsflächen. Sie dürfen z. B. eine unbestellte Rezension des großen Schlagers auf dem Büchermarkt, der zu Weihnachten erschienen ist, nicht erst um Pfingsten herum einreichen.

 

Siebentens: 

Daß ein vielbeschäftigter Redakteur nur Schreibmaschinenmanuskripte liest, ist verständlich. Schreibmaschinenschrift allein genügt aber nicht: es muß auch gute, saubere, möglichst große Maschinenschrift sein! Wer auf einer verschmutzten Maschine schreibt und gar noch schwer lesbare handschriftliche Verbesserungen anbringt, kann nicht auf geneigte Beurteilung rechnen.  – Übrigens: wissen Sie, daß die Manuskripte nur einseitig (Rückseite frei!) beschrieben sein dürfen?

 

Niemand bestreitet, daß die Belange der Schriftsteller gelegentlich von rücksichtslosen Schriftleitern im Rausche des Cäsarenwahnsinns verletzt werden. An einer Reihe von Beispielen, Beispielen aus der Praxis einer langen Erfahrung, wurde jedoch hier gezeigt, daß die Schuld durchaus nicht immer bei den vielgeplagten Empfängern der Manuskripte liegt.

 

Monty Jacobs

 

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© ??? - Trotz erheblicher Anstrengung ist es nicht gelungen, festzustellen, ob noch Urheberrechte an diesem Text bestehen. Sollte das der Fall sein, bitte ich den Rechteinhaber, sich bei mir zu melden.

 

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