Interview mit einem Lyrik-Verleger*

Theo Czernik - Edition-L

Theo Czernik ist am 3. Juni 2013 gestorben.

IN MEMORIAM.

 

Theodor Peter Czernik, 1929 geboren, studierte Malerei, Grafik und Bühnenbildnerei in Wien und Mannheim. Vor mehr als 25 Jahren gründete er den Verlag Edition L, der ausschließlich Lyrik verlegt. T. Czernik ist Initiator von Lyrikertagungen, Herausgeber der Literaturzeitschrift „Literatur aktuell“ und Stifter des Inge-Czernik-Förderpreises für Lyrik. Außerdem arbeitet er als Grafiker und Schriftsteller, veröffentlichte Romane, Hörspiele, Erzählungen und ein Theaterstück. 

 

aktuell: Wie kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet Lyrik zu verlegen?

 

Th. Czernik: Gedichte sind für mich die schillerndste und kürzeste Interpretation des Lebens. Als Ausgleich zu meinem Job - Werbeleiter in der Maschinenindustrie - veröffentlichte ich mit meiner vor acht Jahren verstorbenen Frau Inge Gedichte mehr oder weniger oder ganz unbekannter Autoren. Die Rezensionen machten Mut. Das war der Anfang der Edition L.

 

aktuell: Im allgemeinen heißt es, Lyrik sei brotlose Kunst  - für Buchhändler, Verlage und Autoren gleichermaßen. Wie schaffen Sie es, zu überleben?

 

Th. Czernik: Eine brotlose Kunst. Stimmt. Das ist aber keine Abwertung der Lyrik. Es liegt an einer Gesellschaft, in der Ausbildung wichtiger ist als Bildung. Rhetorik, Computer- und sonstiges Fachwissen können humanistische Bildung nicht ersetzen, denn die hat etwas mit erweiterten Horizonten und erfülltem Leben, also vor allem mit Persönlichkeitsbildung zu tun.

Ich habe Grafik-Design studiert, bin Autor und gestandener Werbemensch, daher überlebe ich als Verleger, weil ich in Personalunion Lektor, Typograf, Texter, PR-Mann, Kalkulator, Werbe- und Vertriebsleiter bin.

 

aktuell: Was unterscheidet Ihren Verlag von „Druckkostenzuschußverlagen“?

 

Th. Czernik: Den sogenannten „Druckkostenzuschußverlagen“ geht es nicht um literarische Qualität, was zählt, ist der nackte Profit. Es sind Unternehmer, die ebensogut Schnürsenkel oder Hosenknöpfe vertreiben könnten, sie drucken alles, was sie in die Finger bekommen - und das sind Unmengen von Manuskripten. Mit klangvollen Firmennamen und vielversprechenden Verträgen ziehen sie unbedarfte Autoren über den Tisch und machen auch vor Plagiaten nicht halt.

Für mich sind absolut transparente Verträge wichtig und Modalitäten, die aus Kenntnis der Situation der Lyrik entstehen und für Autor und Verlag tragbar sind. Zuschüsse, ob von Verbänden, vom Land oder von Gemeinden, Sponsoring von Banken und Unternehmen oder Privatpersonen, müssen nicht alle Kosten decken, denn mit meiner Arbeitsweise ist sogar ein Gewinn möglich.

 

aktuell: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Autoren aus? Wie viele Bücher verlegen Sie pro Jahr im Durchschnitt?

 

Th. Czernik: Ich verlege, was ich für gut halte (8-12 Titel pro Jahr). Das ist natürlich subjektiv, aber die Presse beurteilt meine Linie gut, und literarische Prominenz wie Hilde Domin, Marcel Reich-Ranicki, Wolf Biermann oder Ulla Hahn und Hans-Jürgen-Heise, die unsere Freudenstädter Lyriktage eröffneten, sind Referenz und unterstützen meine Bemühungen.

 

aktuell: Was ist für Sie ein „gutes“ Gedicht(-Buch)?

 

Th. Czernik: Ich erwarte ernsthaftes Bemühen um Sprache, präzise Formulierungen, Originalität - aber nicht um jeden Preis! - und einen lyrischen Grundton. Wichtig ist der Inhalt. Gedichte müssen Botschaft bleiben, in ihnen muß dem Mitmenschen begegnet werden, und sie sollen nicht nur für eine elitäre Schicht von Lesern geschrieben werden. Ein Gedichtband muß auch ästhetisch aufgemacht sein, das Cover muß professionell und werbewirksam gestaltet sein und den Inhalt signalisieren.

 

aktuell: Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ihren Autoren aus?

 

Th. Czernik: Voraussetzung für ein gutes Buch sind sorgfältiges Lektorat, eine Zusammenarbeit mit dem Autor, persönliche Gespräche und eine Korrespondenz, die oft umfangreicher ist als das fertige Buch. Man hört allenthalben, daß nur noch Kleinverlage den Autoren eine verlegerische Heimat geben. Stimmt. Ich kenne auch keinen großen Verlag, der wie meiner seit 1983 für seine Autoren Lyriktage veranstaltet. Das ist äußerst zeit- und kostenaufwendig und geht an die Substanz. 

 

aktuell: Irgendwer hat einmal gesagt, es gebe in Deutschland wahrscheinlich wesentlich mehr Menschen, die Gedichte schreiben als solche, die sie lesen. Wie finden Sie „Ihre“ Leser?

 

Th. Czernik: Wir sind auf der Buchmesse vertreten, veranstalten Literaturtage mit Buchausstellungen, inserieren mit Buchbesprechungen. Viele Buchhändler informieren ihre Kunden mit unserer Literaturzeitschrift „Literatur aktuell“. Buchhändler haben durchaus ihre Lyrikkundschaft, und unsere Bücher werden gern als Geschenk eingesetzt und vor allem auf Rezensionen hin bestellt.

 

aktuell: Im persönlichen Gespräch, aber auch in Ihren engagierten Geleitworten, die Sie den Büchern Ihrer Autoren voranstellen, wird deutlich, daß Sie ein „Überzeugungstäter“ sind, jemand, der an seine Sache glaubt. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Verlages/der Lyrik?

 

Th. Czernik: Mit „Beschwörungen“** versuche ich, Leser und Presse für Lyrik zu gewinnen. Das Buch enthält 120 Geleitworte, die ich für unsere Ausgaben geschrieben habe. Auch das ist neben der Buchgestaltung eine zusätzliche Leistung für unsere Autoren. Da ich, wie erwähnt, alle Aufgaben, die in einem Verlag anfallen, selbst ausführe, wird es die Edition L nach mir nicht mehr geben. Die Lyrik wird es immer geben, und ich glaube, daß wir wieder mehr zum eigenen Denken finden. Dazu soll eben die Linie meines Verlags beitragen, von der ich nicht abweichen werde.

 

aktuell: Herr Czernik, ich bedanke mich für das Gespräch.

 

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* Das Interview mit Herrn Czernik führte ich während meiner Arbeit als Redaktionsmitglied der Zeitschrift "IGdA-aktuell" im Jahre 2002/© Nikola Hahn

**Theo Czernik, Beschwörungen, Geleitworte des Herausgebers zu 120 Lyrikausgaben seiner Edition L, Edition L, Hockenheim, 2001, ISBN: 3-934960-08-1

 

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