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Interview mit einer Lektorin

Quelle: IGdA-aktuell, Heft 4/1999

 

Palma Müller-Scherf (37), studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie und arbeitete nebenbei  frei für verschiedene Autoren, bevor sie 1992 nach ihrem Examen „ohne Verlagserfahrung, sozusagen mit einem Sprung ins kalte Wasser“ im Lektorat des Frankfurter Eichborn-Verlags anfing. Mittlerweile betreut sie einen Teil des Sachbuchprogrammes und koordiniert die von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene Andere Bibliothek. Daneben betreut sie gelegentlich auch  belletristische Titel.

 

aktuell: Die meisten Autoren gehen davon aus, daß eine Lektorin nichts anderes tut, als Manuskripte zu lesen.  Wie sieht  Ihr Arbeitsalltag tatsächlich aus?

 

Müller-Scherf: Einen Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich mit Organisatorischem, interner Kommunikation und Kommunikation nach außen,  mit Autoren, Agenten, Übersetzern, freien Lektoren, Korrektoren. Ein Lektor ist immer in mehrere Programme gleichzeitig eingebunden: Einerseits gilt es, das laufende Programm abzuarbeiten, also Satzfahnen, Umbrüche, Korrektur zu lesen, Klappentexte zu schreiben und vieles mehr. Andererseits ist das neue Programm vorzubereiten: mit Autoren Verträge aushandeln, Werbetexte und Umschlagsmotive überlegen. Daneben prüft man Manuskripte, unverlangt eingesandte wie von Agenten vorgeschlagene und betreut seine Autoren. Zu den Aufgaben eines Lektors gehört es auch, Autoren zu entdecken und Buchthemen zu finden. Anfangs war ich für das Humor- und Geschenkbuchprogramm zuständig. Das hieß auch, zu schauen, welche Bücher funktionieren, welche nicht; Trends zu erkennen. 

 

aktuell: Wie viele Projekte betreuen Sie im Jahr?

 

Müller-Scherf: Das ist ganz unterschiedlich   und  abhängig  von  der  Arbeit  und dem Aufwand bei einzelnen Titeln. 

 

aktuell: Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen einem Autor und einem Lektor vorstellen?

 

Müller-Scherf: Die Zusammenarbeit kann eng sein, wenn am Text viel verändert wird oder wenn der Lektor von Anfang an in die Textentstehung eingebunden ist. Immer wird dann ein gemeinsamer Weg gesucht; das ist gelegentlich ein zähes Ringen, aber nichts geschieht ohne die Zustimmung des Autors. Der Autor hat das letzte Wort. 

 

aktuell: Wie viele „Unverlangte“ erhält Ihr Verlag pro Monat? Wie viele entfallen davon auf Sie?

 

Müller-Scherf: Manchmal sind es fünf, manchmal wohl zwanzig Manuskripte pro Tag. Diese werden entsprechend den Bereichen im Lektorat verteilt. 

 

aktuell: Wie viele davon lesen Sie? Lesen Sie jeweils das gesamte Manuskript?

 

Müller-Scherf: Ich blättere jedes an. Die Entscheidung, ob man weiterliest oder nicht, fällt in der Regel schnell. Das ist davon abhängig, ob es einen in den Text zieht, ob einen der Text in ungeahnter Weise überrascht. Also die Suche nach dem Neuen, nach einem originären Ansatz. 

 

aktuell: Woran erkennt ein Lektor, ob ein Manuskript geeignet oder ungeeignet ist?

 

Müller-Scherf: Letztlich ist es eine subjektive Entscheidung. Objektive Kriterien sind die Sprache, der Stil, natürlich das Thema und dessen Aufbereitung.  

 

aktuell: Ist im vergangenen Jahr im Eichborn-Verlag ein unverlangt eingesandtes Manuskript verlegt worden? 

 

Müller-Scherf: Ja, sogar ein sehr erfolgreiches: Die Farbe meines Gesichts von Miriam Kwalanda und Birgit Theresa Koch. 

 

aktuell: Die meisten Autoren sind frustriert, wenn sie ihre Manuskripte mit einem  Standardschreiben zurückerhalten.

 

Müller-Scherf: Angesichts der Menge unverlangt eingesandter Manuskripte ist es anders als mit einer Standardabsage nicht zu leisten. Als selbständig wirtschaftendes Unternehmen können wir einfach keine Gutachten für abgelehnte Manuskripte erstellen.

 

aktuell: Gibt es bestimmte Themen, die von vornherein keine Chance auf Veröffentlichung haben?

 

Müller-Scherf: Schwer hat es die Lyrik. Gedichte werden gern eingesandt. Da sie sich aber meist schlecht verkaufen, werden sie auch kaum noch verlegt. Ansonsten hat wenig Chancen allzu Privates. Bei Romanen kommt es nicht nur auf die Qualität an, sondern auch auf das jeweilige Verlagsprofil. 

 

aktuell: Welche Tips würden Sie einem unbekannten Autor geben, der ein Manuskript an einen Verlag schicken möchte? 

 

Müller-Scherf: Manche Autoren rufen an, um erst mal zu fragen, ob überhaupt Interesse besteht und in welchem Zeitrahmen. Andere schicken ein kurzes Anschreiben mit Exposé. Dies ist mir persönlich die liebste Variante. Sie reicht aus, um vom Projekt einen Eindruck zu erhalten. Bevor man ein Manuskript irgendwo hinschickt, sollte man sich auf jeden Fall im Buchhandel informieren: Welcher Art ist mein Buch? Welche Verlage gibt es, die entsprechende Titel verlegen? Wenn man gezielt vorgeht, hat man oft bessere Chancen. 

 

aktuell: Freuen Sie sich noch über die „Unverlangten“?

 

Müller-Scherf: Klar. Es könnte ja ein Bestseller sein! 

 

aktuell: Frau Müller-Scherf, ich bedanke mich für das Gespräch. 

 

 

 Das Interview führte: Nikola Hahn

© Nikola Hahn. Nachdruck nur mit Genehmigung

 

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