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Das Problem mit den Socken

oder: Von der Schwierigkeit, ein Manuskript loszuwerden

(von Nikola Hahn)

 

Am Anfang aller Träume steht eine Idee - die Idee, zur schreibenden Zunft zu gehören. Die Idee wird mit Begeisterung und Schaffenskraft umgesetzt und in ein mehr oder weniger umfangreiches Manuskript gegossen. Nach der ganzen Plackerei wartet schließlich der Erfolg: die Veröffentlichung des Werkes, Anerkennung, Lob und bare Münze. Denkt man. 

Spätestens, wenn der Postmann zum zehnten Mal klingelt und dem angehenden Bestsellerautor sein hoffnungsfroh verschicktes Päckchen wieder in die Hand drückt, verwandeln sich die rosarotesten Träume in schwarze Gewitterwolken, die sich je nach Mentalität des verkannten Autors oder der verkannten Autorin in Tränenausbrüchen, Wutanfällen, Depressionsschüben oder Selbstzweifeln entladen. 

 

Absagebriefe von Verlagen sind eine Kollektiverfahrung angehender Schriftsteller und ein empfindlicher Schlag in ihr Inneres, mit dem sie erst einmal fertig werden müssen. Daß diese Schreiben im Computerzeitalter in über 90% der Fälle genormte Massenprodukte sind, die sich bestenfalls im Briefkopf des absendenden Verlages unterscheiden, erhöht ihre Folterwirkung auf die Seele eines Schreiberlings eher, als daß es sie mindert, denn ein Manuskript, an dem man mit aller Kraft Monate oder sogar Jahre gearbeitet hat, mit einem nichtssagenden Formbrief zurückzubekommen, muß als Mißachtung verstanden werden. Denkt man. 

 

Spätestens, wenn sich die Gelegenheit ergibt, mit Leuten zu reden, die "auf der anderen Seite" stehen, kommen Zweifel. Aber wie macht man die jemandem verständlich, der schon das zweite oder dritte Dutzend Absagebriefe in der Hand hält und immer noch nicht weiß, warum sein Manuskript wirklich abgelehnt wurde? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, über so ein emotional belastetes Thema objektiv zu sprechen? Ich glaube, ja. Und zwar dann, wenn es gelingt, in Büchern das zu sehen, was sie sind: Verkaufsartikel, die wie alle anderen Waren den Gesetzen der Marktwirtschaft um so mehr unterliegen, je höher der Anspruch ist, von vielen gelesen zu werden. Also legen wir das von Träumen, Wünschen und Mystifikation umgebene Produkt Buch zur Seite und betrachten uns die Regeln dieses nüchternen Marktes an einem weniger emotionsgeladenen Artikel: Nehmen wir einfach an, wir wollten statt Bücher Socken verkaufen!

 

Am Anfang steht die Idee, für meine Familie oder für mich ein Paar Socken zu stricken. Irgendwann hat man das Stricken schließlich gelernt, zwei rechts, zwei links! Also wird die Idee mit Begeisterung und Schaffenskraft umgesetzt, und meine Lieben werden mit Ringelsöckchen in ihren Lieblingsfarben beglückt. Sie sind begeistert (oder trauen sich nicht, es nicht zu sein) und ermuntern mich selbstverständlich dazu, weiterzumachen. Schließlich ist es heutzutage eine Seltenheit, daß jemand selber strickt! Das Lob ist Balsam für mein Selbstwertgefühl, und ich überlege, ob sich nicht auch andere Menschen für meine Söckchen begeistern könnten. Ich fange an, mich mit Socken generell zu beschäftigen und stelle Vergleiche an. Ich gehe ins Kaufhaus und schüttele den Kopf über die Massenware, die dort ausliegt und die überhaupt keinen Vergleich mit meinen Söckchen aushalten kann. 

 

Schließlich komme ich zu dem Schluß, daß sich alle Welt auf meine Söckchen stürzen würde, wenn sie denn wüßte, daß es sie gäbe. Ich nehme also die zehn schönsten, verpacke sie sorgfältig und schicke sie an die Söckchenverkaufsleiter großer Kaufhäuser. Selbstverständlich bin ich überzeugt, daß mindestens acht davon schon beim Auspacken so begeistert sein werden, daß sie sofort mit mir ins Geschäft kommen wollen. 

 

Machen wir an dieser Stelle einen kleinen Schnitt und schlüpfen in die Haut eines langjährig verantwortlichen Verkaufsleiters für den Söckchenstand im Kaufhaus X. Er hat seine Stammkunden und weiß genau, was sie gerne kaufen. Danach richtet er seine Kollektion aus, und er fährt nicht schlecht damit. Wenn er sehr engagiert ist, was wir einmal unterstellen, wird er sich für alles interessieren, was mit dem Söckchenmarkt zusammenhängt und sich selbstverständlich auch über aktuelle Trends informieren und neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen sein. 

 

Nun liefert ihm der Postbote jeden Tag zusätzlich zu seiner umfangreichen Geschäftspost zwischen fünf und zehn Päckchen von Leuten, die gerne stricken und der Meinung sind, daß ihre Ringel-, Bett-, Wander- oder Spitzensöckchen das absolute Nonplusultra sind. Da unser Söckchenverkäufer, wie erwähnt, grundsätzlich neue Ideen gut findet, packt er selbst das zehnte Päckchen noch mit einer gewissen Neugier aus. Und was findet er vor? Grün-gelbe Ringelsöckchen, die er schon im vergangenen Jahr nicht hat verkaufen können, Söckchen mit fallengelassenen Maschen, schnell und hastig zusammengestrickt, daneben aber auch hin und wieder kleine Meisterwerke der Strickkunst, die er vielleicht sogar verkaufen könnte, wenn sie eine andere Farbe oder Größe hätten. 

 

Eigentlich müßte unser Söckchenverkäufer nun verschiedene Briefe schreiben, in denen er den Absendern erklärt, daß ihre Waren in Stil und Qualität leider nicht dem entsprechen, was seine Kunden wünschen. Wenn er ehrlich wäre, würde er dem Ringelsöckchenstricker schreiben, daß diese Art von Socken seit Jahren kein Mensch mehr kauft. Dem mit den fallengelassenen Maschen müßte er sagen, daß er nichts vom Sockenstricken versteht und sich besser ein anderes Handwerk aussuchen sollte. Und dem dritten schließlich könnte er antworten, daß ihm seine Strickwaren zwar sehr gut gefallen, daß sie von der Form und Größe jedoch nicht in sein Sortiment passen. Aber was würde passieren, wenn unser Söckchenverkäufer sich tatsächlich dieser Mühe unterziehen würde?

 

Ganz abgesehen davon, daß es ihn eine ganze Menge Zeit kosten würde, an jeden persönlich zu schreiben, würde ihm der erste Söckchenstricker wohl zurückschreiben, daß es eine Anmaßung sei, zu bestimmen, welche Socken die Leute anziehen wollten und welche nicht. Schließlich gebe es unter seinen unzähligen Bekannten und Verwandten keinen einzigen Menschen, der etwas gegen grün-gelbe Ringelsöckchen einzuwenden habe, und man müsse den Leuten nur zeigen, wie schön diese Ringelsöckchen seien, um sie zum Kauf zu bewegen. 

 

Der zweite Strickmeister würde wahrscheinlich vor Wut zum Telefonhörer greifen und unseren armen Söckchenverkäufer beschimpfen, wie er es wagen könne, seine Söckchen zu verunglimpfen. Immerhin stricke er schon seit Jahren so, es sei sein Stil. Und er lasse sich doch nicht von so einem hergelaufenen Söckchenverkäufer mangelndes Talent bescheinigen!

 

Und der dritte schließlich könnte auf die Idee verfallen, die wohlmeinende Absage als Aufforderung zu werten, mit seiner Gesamtkollektion persönlich zu erscheinen, um vielleicht doch noch ins Geschäft zu kommen. Unser armer Söckchenverkäufer würde also irgendwann seine Tage nur noch damit verbringen, sich mit unaufgefordert zugeschickten Söckchenpaketen und deren Absendern herumzuärgern. Weil er dem aus dem Weg gehen möchte, hat er einen Standardbrief aufgesetzt, der folgendermaßen lautet: 

 

Sehr geehrte/r Herr/Frau Söckchenstricker(in),

haben Sie vielen Dank für die Zusendung Ihrer Strickwaren, die wir im Hinblick auf eine Vermarktung in unserem Hause gewissenhaft geprüft haben. Leider muß ich Ihnen mitteilen, daß unsere Kollektion bereits langfristig festgelegt ist und wir deshalb keine Möglichkeit sehen, Ihre Produkte in unser Verkaufsangebot aufzunehmen. 

Wir möchten Sie bitten, in dieser Ablehnung keine Mißachtung Ihrer Arbeit sehen zu wollen. 

Für das unserem Haus entgegengebrachte Vertrauen bedanken wir uns und verbleiben

mit freundlichen Grüßen

i.A. (Unterschrift)

 

Eine Woche später bringt mir der Postbote mein erstes von zehn Päckchen mit diesem Brief zurück. Zuerst bin ich enttäuscht. Aber dann denke ich mir, einen Ignoranten gibt es immer, und neun Chancen habe ich ja noch. Leider schwinden sie von Tag zu Tag, und mit ihnen meine gute Laune, die sich nur phasenweise hebt, wenn ich glaube, Wohlwollendes zwischen den Zeilen zu lesen:

 

Mit unserer Entscheidung ist kein Werturteil verbunden; es kann also durchaus sein, daß Sie bei einem anderen Söckchenverkäufer bessere Chancen für eine Vermarktung haben.

 

Das läßt mich meine verschmähte Söckchensammlung sofort an zehn weitere Kaufhäuser schicken. 

 

Spätestens, wenn ich dem Postboten das Du angeboten habe, weil ich ihn öfter sehe als meinen Ehemann und die abgelehnten Söckchen vom vielen Herumschicken schon leicht angeschmuddelt sind, fange ich an zu begreifen, daß mein ganzes Tun nicht mehr ist als ein Beitrag zur Sanierung der Deutschen Post AG, und die erwähnten Gewitterwolken entladen sich. Ich male mir in aller Genüßlichkeit aus, wie ich irgendeinen Söckchenverkäufer erwürge, oder, noch besser: wie ich ihn verhöhnen werde, wenn ich eines Tages mit meinen Söckchen den Renner liefere und einer seiner Konkurrenten damit das Geschäft seines Lebens macht! Oder ich schmeiße meine Söckchen in den Müll und die Stricknadeln gleich dazu und hoffe, daß man sie in hundert Jahren wieder ausgräbt und mir post mortem die Ehre zuteil wird, der am meisten verkannte Söckchenstricker des 20. Jahrhunderts gewesen zu sein!

 

Einige Tage später, wenn Wut und Selbstmitleid verraucht sind, spüre ich das unbändige Verlangen, neue Söckchen zu stricken, und irgendeine kleine Stimme in meinem Kopf flüstert mir zu, daß es in der Bundesrepublik schließlich mehr als zwanzig Söckchenverkäufer gibt und ich bislang wohl ausgerechnet die dümmsten davon erwischt habe.

 

Spätestens, wenn ich diese Stufe erreicht habe, wird die Idee der Söckchenverkäufer, sich mit ihren wohlfeilen Standardbriefen die lästigen Söckchenstricker galant vom Hals zu halten, zum bitterbösen Bumerang. Da ich nicht weiß, warum meine Söckchen keine Gnade fanden, und das einzige, an das ich mich halten kann, nette Formulierungen sind, die mir suggerieren, daß meine Arbeit wenigstens aufmerksam geprüft wurde (also kann sie so schlecht ja auch wieder nicht sein), werde ich immer weiter meine Söckchen in alle Welt verschicken. Irgendwann muß doch mal jemand die Qualität erkennen! Das kann sich schlimmstenfalls über Jahre hinziehen und den rosarotesten Traum in den schwärzesten Alptraum verwandeln, der mich und mein ganzes Leben auf die Frage reduziert, wie es sein kann, daß in Deutschland pro Jahr Millionen mehr oder weniger mieser Söckchen verkauft werden, während meine ihr Dasein in stickigen Postkartons zubringen müssen. 

 

Spätestens dann sollte der Punkt erreicht sein, an dem ich in  meinem eigenen Interesse meine Söckchen ganz genau unter die Lupe nehme, ein paar Fragen stelle und sie auch ehrlich beantworte: 

 

1. Gibt es außer Söckchenstricken nicht noch andere, wichtigere Ziele in meinem Leben?

2. Taugen die mit viel Liebe gestrickten, eigentlich für meine Familie gedachten Ringelsöckchen überhaupt dazu, in aller Öffentlichkeit ausgestellt zu werden?

3. Habe ich mich über verschiedene Stricktechniken nicht nur informiert, sondern diese auch genügend erprobt? 

4. Sind meine Päckchen professionell gepackt gewesen?

5. Habe ich mich genügend mit den Gesichtspunkten des Verkäufers beschäftigt, der bei allem Wohlwollen seine Kalkulation nicht aus den Augen verlieren darf?

6. Bin ich bereit, notfalls etwas ganz Neues zu machen, um zum Ziel zu kommen?

7. Würde ich es akzeptieren, wenn man mich auffordern würde, wesentliche Dinge an Form und Größe zu ändern, ohne das als Angriff auf meine Person mißzuverstehen?

8. Kann ich so viel Distanz zu meiner Arbeit aufbringen, um sie nach objektiven Gesichtspunkten zu beurteilen und zu kritisieren?

 

Jedes "Ja" wird  mir helfen, meine Produkte besser an den Mann zu bringen und Ablehnung weniger als Beleidigung, sondern vielmehr als Aufforderung zu werten, an der Perfektion meines Handwerks zu arbeiten. Und was für Socken gut, ist, kann für Bücher allemal billig sein, oder?

 

© Nikola Hahn  (erstmals erschienen in der IGdA-aktuell, 3/98)

 

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