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125 Jahre Duden

Quelle: Duden-Newsletter vom 11. Februar 2005


Alcopops, faken, Praxisgebühr, Qualifying stehen nicht im ersten Duden von 1880. Der Ausschank von Alkohol – und sei es in limonadenhafter Tarnung – an Jugendliche war zu Kaisers Zeiten strikt verboten und die Beziehungen zu England waren so, dass die sprachlichen Übernahmen aus dem Englischen ins Deutsche noch überschaubar blieben. Das allgemeine Gesundheitswesen befand sich gerade erst im Aufbau, und das erste deutsche Auto war noch nicht einmal erfunden. Kurz: Die Welt hat sich seitdem verändert.

 

In der jüngsten, der immerhin schon 23. Auflage des Dudens sucht man dagegen vergeblich nach Einträgen wie Ärnte, Egypten oder Ocean. Auch eblouieren – das heißt »durch Glanz blenden, verblüffen« – ist dem Duden im Laufe seiner Auflagengeschichte verloren gegangen. Die 9. Auflage von 1926 führt es noch und zwar mit dem zarten Hinweis darauf, dass man das anlautende E im Notfall sogar abtrennen dürfe – eine Sache, welche durch die neue Rechtschreibung von 1996 vollständig sanktioniert wird und seitdem bei Reformkritikern auf vehemente Ablehnung stößt.

 

Die 10. Auflage des Dudens von 1929 verzichtet auf eblouieren und wartet dafür mit ebullieren (»aufwallen, Blasen treiben«) auf, wofür die neueren Dudenauflagen und der jüngste Spross dieses »Volkswörterbuchs« mittlerweile längst keine Verwendung mehr haben. Schließlich würden redliche Hausfrauen und eifrige Hausmänner heute im Kochbuch kaum die Anweisung »Die Kartoffelsuppe fünf Minuten ebullieren lassen und dann sofort servieren« finden.

Der Duden und die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts

Reichstag und Reichskanzler kennt der 1880-er Duden als Substantivkomposita zu »Reich«. Von Reichsamt bis Reichsversicherungsverordnung ist diese Zweizahl in der 11. Auflage von 1934 auf 54 Zusammensetzungen angeschwollen, unter denen die Reichsautobahn und das Reichserbhofgesetz die eher harmlosen sind und Kandidaten wie Reichsfeind, Reichskulturkammer oder Reichspropagandaleiter uns heute erschauern lassen. Die 13. Auflage von 1947 räumt hier schnell auf und ersetzt den Reichspropagandaleiter durch den Reichsabt und das Reichsluftfahrtministerium durch die Reichskleinodien.Der Makel der Gleichschaltung bleibt.

 

Abschnittsbevollmächtigter, Broiler, Mauerfall und Mauerspecht kennt der erste Duden nicht. Die aktuelle Auflage führt diese Einträge noch und erinnert so daran, dass einmal zwei deutsche Staaten existierten, in denen es je einen eigenen Duden gab, der von zwei unterschiedlichen Redaktionen erarbeitet und gepflegt wurde. Und obgleich sie unter ganz anderen Bedingungen wirkten, waren sie sich in einer Sache doch einig: im Festhalten am Prinzip einer einheitlichen Orthografie, als deren Vater Konrad Duden gilt.

 

Baggypants, casten, Late-Night-Show und Webdesign: Wenn der alte Konrad Duden heute in seinen Duden schauen würde, käme es ihm vielleicht so vor, als würde er vor lauter englischen Bäumen den deutschen Wald nicht mehr sehen – oder auch nicht. Fragen können wir ihn nicht mehr, aber immerhin stand er dem Englischen nicht abgeneigt gegenüber. Seine Einführung des Englischunterrichts am Hersfelder Gymnasium war geradezu revolutionär in einer Zeit, in der neben den klassischen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein gerade mal das Französische als Fremdsprache an öffentlichen Schulen unterrichtet wurde. Das ist heute längst anders. Der Englischunterricht dominiert, und Konrad Duden würde dies, schon aus rein pragmatischen Gründen, sicherlich befürworten. Ob er selbst Wörter wie cool oder phatt in den Mund nehmen würde, bleibt dabei eher fraglich.

Eine 125 Jahre währende Erfolgsgeschichte

Wenn ein Wörterbuch wie der Duden auf eine 125-jährige Geschichte zurückblicken kann, dann ist das schon per se eine Besonderheit in der deutschen Wörterbuchlandschaft. Der Duden gehört nach den beiden Historikern Étienne François und Hagen Schulze wie die Humboldt-Brüder, die Berliner Museumsinsel oder das romantisch-verklärte und -verklärende Alt-Heidelberg zu den deutschen Erinnerungsorten – mit dem einen ganz zentralen Unterschied, dass er Tag für Tag praktisch wirkt und das mittlerweile nicht nur als Buch, sondern auch auf allen denkbaren elektronischen Datenträgern.


Die vielen, in kurzen Abständen aufeinander folgenden Auflagen machen den Duden zu einer Art »Seismograf« (Günther Drosdowski), der über die Jahrzehnte hindurch »technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, die kulturelle Entwicklung und alle gesellschaftlichen und politischen Wandlungen« widerspiegelt und jede sprachliche Veränderung. Dass der Seismograf Duden im Laufe seiner Entwicklung von einem 27.000 Einträge schmalen Bändchen zu einem 125.000 Stichwörter enthaltenden Backstein geworden ist, der neuerdings auch noch sprechen kann, ist dabei nur folgerichtig.

 

125 Jahre Duden sind 125 Jahre einer Erfolgsgeschichte, die im deutschen Buchhandel durchaus ihresgleichen sucht. Was bleibt, ist der ständige Wandel, dem der Duden unterliegt und den er selbst abbildet. Was auch bleibt, ist das Thema Rechtschreibung, mit dem sich die Dudenredaktion wie Konrad Duden täglich intensiv auseinander setzt. So etwas nennt man Kontinuität, die schon der erste Duden wie wir heute mit K schreibt.
 


Weitere interessante Informationen rund um den Duden und seine Geschichte finden Sie auf den Seiten der Duden-Homepage:  www.duden.de

 

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