DIE MEISTEN SCHRIFTSTELLER LEBEN HART AM EXISTENZMINIMUM
Erbärmlicher Stundenlohn für Dichter

 

 

von BERND SCHÜLER


Martin Schüller gerät in Rage. "Ich kann nicht einsehen", sagt der Krimiautor empört, "dass ich an meinem Buch nichts verdiene". Für das letzte hat der Kölner ein Jahr gearbeitet - 10 000 Euro flossen dafür von dem kleinen Kölner Emons Verlag auf sein Konto. Und das, obwohl der Krimi mit 10 000 verkauften Exemplaren als Erfolg gelten kann. Als Nachttaxifahrer habe er dreimal mehr eingenommen. "Und mein Verleger fährt im Mercedes in seine Eigentumswohnung."

Kein Wunder, dass die Öffentlichkeit lieber über Joanne K. Rowling staunt, die durch "Harry Potter" steinreich wurde. Jenseits von Stars und Sternchen ist das liebe Geld ein lästiges Thema im Literaturbetrieb. Des Krimiautors Klage steht stellvertretend für die Zunft: Im Land der Dichter und Denker ist ihre große Mehrheit unterbezahlt. Oft leben sie für ihre Arbeit und können doch, anders als Verleger, Drucker oder Händler, nicht davon leben.

Folgt man dem ungenauen, aber einzig verfügbaren Zahlenmaterial, erzielten Schriftsteller im letzten Jahr durchschnittliche Einnahmen von 10 640 Euro. Normale Angestellten konnten 29 000 Euro für sich verbuchen.

Über 30 Jahre ist es her, da rief Heinrich Böll zum "Ende der Bescheidenheit" auf. Seine Kollegen bezeichnete er als "Schwachsinnige" - weil sie sich ausbeuten ließen bei der Produktion eines so wichtigen öffentlichen Gutes. Immerhin wurden seitdem einige gesetzlich verbriefte Ansprüche erstritten: Über die Künstlersozialkasse sind Autoren günstig sozialversichert. Und die Verwertungsgemeinschaft Wort sorgt dafür, dass auch das Kopieren von Texten honoriert wird.

Doch vor dem Armutsrisiko schützt das alles nur bedingt. Mit am härtesten trifft es Ältere, die wenig vorsorgen konnten. Jutta Sauer vom Literaturrat Niedersachsen kennt renommierte Schreiber, die sich trotz Gehbehinderung niemals ein Taxi leisten könnten. Ein tragischer Karriere-Verlauf: Ein Schriftsteller kann noch im Alter öffentlich gefeiert sein - und gleichzeitig sein letztes Lebensdrittel mit einer Rente unter Sozialhilfe-Niveau bestreiten müssen.

Inzwischen bläst auch vor dem Ruhestand ein rauerer Wind: Der schnelle Markt verlangt stets neue Gesichter. Vom Verlag auf Lesereise geschickt zu werden, eine wichtige Nebenerwerbsquelle, ist für die Altgedienten nicht mehr selbstverständlich. Hinzu kommen Kürzungen in den Zeitungsfeuilletons und beim Rundfunk: Weniger Sendeplätze für Hörspiele und Features bedeuten weniger Chancen auf Zuverdienst.

Niemand hat die Verhältnisse des "armen Poeten" populärer ins Bild gesetzt als Carl Spitzweg 1839. Wer tagaus tagein der Kunst huldigt, so die landläufige Meinung, lebt eben in standesgemäßer Armut. Entsprechend ist die Literaturgeschichte geprägt vom Doppelleben ihrer Protagonisten: Goethe und Kafka arbeiteten als Juristen, Schiller und Benn als Mediziner. Ohne Brotberuf ging es nicht. Und geht es auch heute nur für die wenigsten: Von den 4000 Mitgliedern des Verbandes deutscher Schriftsteller ist nicht einmal jeder 20. in der Lage, allein mit dem Schreiben über die Runden zu kommen.

Fragt sich, ob das überhaupt erstrebenswert ist - Schreiben als Vollzeitjob? Georg M. Oswald zum Beispiel, Autor eines viel gelobten Banker-Romans, ist froh darüber, nach zwei Stunden am heimischen Schreibtisch mittags in die Kanzlei gehen zu können. "Das lässt die Gedanken reifen und befreit von Erwartungsdruck", sagt der Rechtsanwalt aus München. Gute Literatur wird für ihn immer geschrieben - egal unter welchen Arbeitsbedingungen.

Nur taugt das als Erfolgsrezept? Literarische Produktion als elitäres Hobby? Nicht jeder talentierte Autor hat einen Beruf, der sich in Teilzeit ausüben lässt. Und nicht jeder will sich neben seiner literarischen Mission einem schnöden Broterwerb hingeben.

Das Problem: Über den Buchmarkt allein lassen sich nicht Tausende von Berufsschriftstellern finanzieren. Zumindest, solange es nicht mehr Leser gibt, die über die alljährlichen 60 000 Neuerscheinungen herfallen. Manche sehen deshalb allzu großes Selbstmitleid am Werke. Burkhard Spinnen mahnte neulich, die Kollegen sollten doch bitte der zum Nichtstun verdammten Arbeitslosen gedenken. "Wir können wenigstens schreiben", beschied der Autor. Abgesichert über eine Ehefrau mit fester Stelle, sagt sich das natürlich leicht.

Bleibt in jedem Fall die mangelnde öffentliche Unterstützung. "Im Vergleich etwa zum Theater fällt die Förderung im literarischen Bereich sehr gering aus", urteilt Michael Söndermann vom Arbeitskreis Kulturstatistik. So sind die Schriftsteller ganz auf einen launischen Markt verwiesen, der schwer durchschaubar ist. Auf dem Prominentes meist besser weggeht als Anspruchsvolles.

Deshalb reagieren die Verleger mit einem Schulterzucken, wenn ihre Autoren aufmucken. Wenn die mehr Tantiemen verlangen als die üblichen acht bis zehn Prozent des Ladenpreises pro verkauftem Exemplar. Der Gesetzgeber hat kürzlich eine Revision des Urheberrechtes gefordert - Autoren sollen ein Recht auf "angemessene Honorierung" haben. Andernfalls, so prognostiziert ein wissenschaftliches Gutachten, käme es zu einer "empfindlichen Bedrohung der deutschen Verlags- und Titellandschaft".

So wird Martin Schüller vorerst weiterhin derjenige sein, der von seinen Krimis am wenigsten leben kann. Im Unmut wächst der Glauben an eine große Verschwörung: Dass es seit drei Jahrzehnten keine exakte Erhebung über die ökonomische Lage von Schriftstellern gebe, sei kein Zufall, behaupten Verbandsvertreter. Denn sonst müsse sich die Öffentlichkeit mit einem Skandal beschäftigen. Im Herbst will endlich die Enquete-Kommission des Bundestages "Kultur in Deutschland" eine Bestandsaufnahme mit aussagekräftigen Daten vorlegen.

 

Der Artikel erschien am 22.5.04 in der Märkischen Allgemeinen Zeitung. 

Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Märkischen Allgemeinen und des Autors! 

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