Meinen Vätern

 

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Fußball - Was sonst? 

 

Was kann eine Kriminalbeamtin und Autorin zum Thema Fußball sagen? Daß sie als Kind mitfieberte, wenn die Nationalmannschaft spielte? Daß sie oft in Fußballstadien war, aber selten freiwillig? Daß Fußball die Ursache dafür setzte, daß sie ihren leiblichen Vater niemals kennenlernte? Doch der Reihe nach ...

 

Mein Vater war Fußballer mit Leib und Seele, und die Wochenenden gehörten allesamt seinem Sport. Meiner Mutter gefiel das zwar nicht, aber sie nahm es hin. SSV Lixfeld hieß der Verein, in dem er spielte, und es gibt vergilbte Fotografien, auf denen er mit vollem Einsatz über den Platz spurtet, und auf deren Rückseite säuberlich die Spielausgänge notiert sind. Das Spielfeld: eine Wiese mit zwei Toren. Im Hintergrund eine Handvoll Zuschauer und das Dorf, heute größer und näher dran am ehemaligen Fußballplatz, der schon in meiner Kindheit Geschichte war. SSV Lixfeld – SSV Simmersbach 2:0, den 30.3.1959.

 

An einem Sonntag im März, vier Jahre später: Sie hatten einen Auswärtssieg gefeiert. Oder eine Niederlage ertränkt? Ich weiß es nicht. Von diesem Spiel gibt es kein Foto. Er steuerte den Wagen, verlor die Kontrolle. Seine Mannschaftskameraden überlebten. Er starb, bevor er erfuhr, daß er eine Tochter haben würde.

 

Zwei Jahre später heiratete meine Mutter meinen Stiefvater, der für mich zeitlebens Vater war. Auch er ein leidenschaftlicher Fußballer, aber – wie Mutter gern betonte – zum Glück nur ein passiver. Er schwärmte für Schalke 04, und solange ich denken kann, klebte zu ihrem Verdruß ein Schalke-Sticker mitten auf unserem blankpolierten Wohnzimmerschrank.

 

Die Spiele der Bundesliga waren für mich aufgeregte Stimmen, die samstags aus dem Radio kamen, das auf der Werkbank im Keller stand. Im Sommer sangen die Vögel durchs offene Fenster, im Winter bollerte der Ofen, und es roch nach Öl und Holz. Tore fielen, während Vater sägte und hämmerte. Wie er überhaupt irgend etwas verstehen konnte, blieb sein Geheimnis. Ich fand es gemütlich.


Aber es gab auch Spiele, die wurden nicht gehört, die wurden geschaut; da blieb jedes Werkzeug liegen, da durfte nichts und niemand stören: Wenn Deutschland spielte!

Wenn Deutschland spielte, saßen wir nebeneinander vor dem Fernseher, hochkonzentriert jeden Spielzug verfolgend. Ich kann nicht sagen, was mich mehr faszinierte: das Gefühl, auf geheimnisvolle Weise ein klitzekleiner Teil dieser Mannschaft zu sein oder meinen Vater zu erleben, der selten Emotionen zeigte und plötzlich jubelte und schimpfte, als hänge sein Leben vom Ausgang dieses Spiels ab.


Es war die große Zeit von Beckenbauer, und ich sehe noch heute die Wut und Enttäuschung in seinem Gesicht, als er erfuhr, daß Beckenbauer in die USA ging. Das war für ihn Verrat, und er hat es ihm selbst nach der Rückkehr nicht verziehen. Ob mit oder ohne Beckenbauer - ich liebte Länderspiele! Auch wenn Vater mir jedes Mal aufs neue erklären mußte, was Abseits ist.

 

Nach dem Abitur ging ich zur Polizei und lernte ein anderes, ein häßliches Gesicht des Fußballs kennen: Wir begleiteten „Fans“ ins Stadion, paßten auf, daß sie nicht randalierten oder versuchten es wenigstens: Betrunkene, grölende Männer (Frauen waren in der Minderheit), die mit unflätigen Wörtern und zuweilen auch mit Gegenständen um sich warfen, die Spaß daran hatten, zu prügeln, zu zerstören. „Gefangenensammelstelle“ war in dieser Zeit meine Assoziation zu „Fußballspiel“.

 

Heute arbeite ich als Fachlehrerin an der Hessischen Polizeischule, aber dienstlich hat mich das Thema „Fußball“ immer noch im Griff.

Auch ich bin bei der WM im Einsatz. Wie ein Großteil der Polizisten in ganz Deutschland. Und privat? Selbstverständlich bin ich dabei! Vor allem, wenn Deutschland spielt. Ich fiebere mit und drücke die Daumen. Wie mit Vater anno dazumal.

 

Drei Mann im Tor

Drei Mann im Tor ... (links mein Vater Nikolaus Fanz)

 

Mannschaftsbild

SSV Lixfeld; Mitte hinten: Nikolaus Fanz

 

Anmerkung:
Der Text erschien (in leicht abgeänderter Form) zuerst als Kolumne unter dem Titel "Das Spiel ohne Foto" in: ZICO – Frankfurter Fußball-Magazin Nr. 2 - 10/2005

 

Wer sich für den Fussball-Verein SSV Schwalbe interessiert, findet hier die offizielle Website:  http://ssv-lixfeld.de

Gerne habe ich für die historische Rubrik meine Fotos zur Verfügung gestellt. Zum Tod meines Vaters aus der Vereinschronik:

"[...] Diese harmonische und erfolgreiche Zeit wurde am 17.3.1963 um 18.50 Uhr jäh unterbrochen. Der spieltechnisch begabte und einsatzfreudige Spieler Nikolaus Fanz (genannt Nikki) verunglückte tödlich auf der Heimfahrt von einem Freundschaftsspiel. [...] Nicht nur hatte die "Elf" einen hervorragenden Spieler verloren, sondern auch einen guten Kameraden und lieben Menschen. Die Betroffenheit im Verein war entsprechend groß."

http://ssv-lixfeld.de/vereinsgeschichte/historische-fotos/

 

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Und die Erinnerung an meine Mutter? Eine Geschichte, die etwas länger ist ...

 

 

 

 

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