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Interview mit Ingrid Noll

 

Quelle: IGdA-aktuell, Heft 1/2001

 

 

 

Ingrid  Noll, 1935 geboren, wuchs in Nanking/China auf. Im Alter von 13 Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland, nach ihrer Heirat 1959 arbeitete sie zwanzig Jahre lang in der Praxis ihres Mannes mit. Erst mit 55 Jahren, als ihre Kinder aus dem Haus waren,  begann sie zu schreiben - und hatte gleich mit ihrem ersten Roman „Der Hahn ist tot“ einen überwältigenden Erfolg. Für ihren zweiten Roman „Die Häupter meiner Lieben“ erhielt sie 1994 den Glauser Autorenpreis, der dritte „Die Apothekerin“ stand 77 Wochen in den Bestsellerlisten; der neueste „Selige Witwen“ erschien im Februar dieses Jahres bei Diogenes. Ingrid Noll gehört zu den erfolgreichsten Kriminalautorinnen der Gegenwart.

 

 

 

aktuell: Zu Anfang gleich die Standardfrage: Wie kamen Sie zum Schreiben?

 

Ingrid Noll: Da ich in Shanghai geboren wurde, nannten mich die Chinesen, die meinen Vornamen INGRID nicht gut aussprechen konnten, AME; das wurde auch von unserer Familie übernommen. Als ich mit fünf Jahren meinen Namen AME auf Papier malen konnte, hielt ich das für die pure Hexerei. Ich bin immer noch der Meinung. Das Schreiben hat mich nie mehr ganz losgelassen. Als kleines Mädchen schrieb ich kurze Geschichten in Vokabelheftchen, als Schülerin in Deutschland konnte ich mit der guten Deutschnote meine mangelhaften Mathematikzensuren ausgleichen. Auch das Studium der Germanistik war in diesem Sinne gedacht, entpuppte sich aber als staubtrocken.

 

Es kam eine lange Phase, wo ich das Schreiben (nolens volens) verdrängen mußte: Drei Kinder in dreieinhalb Jahren. Als nach dem Auszug der Kinder ein Zimmer für mich frei wurde, habe ich experimentiert - Kindergeschichten, Zeichnungen, Kurzgeschichten. Es waren immer nur sehr kurze Texte, die ich mit wenig Zeitaufwand fertigstellen konnte. Der Durchbruch kam, als ich bereits 55 Jahre alt war und meinen ersten Roman schrieb.

 

aktuell: Wie haben Sie einen Verlag gefunden? Wie lange dauerte die Suche?

 

Ingrid Noll: Als mein erster Krimi fertig war, gab ich ihn meinem Mann, meinen erwachsenen Kindern, meinen Schwestern und Freundinnen zu lesen. Ich war sehr unsicher, ob dieses Werk überhaupt für eine Veröffentlichung geeignet wäre. Alle haben mich ermutigt, und erst dann machte ich mich auf die Suche nach einem Verlag. Beim Buchhändler schrieb ich mir zehn Verlagsadressen heraus, die meiner Meinung nach in Frage kamen. Diogenes in der Schweiz war mein Favorit, unter anderem, weil sie Patricia Highsmith dort als Hausautorin hatten. Als man mich wenige Wochen später aus Zürich anrief und eine Option für Diogenes erbat, brauchte ich meinen Roman nicht mehr an andere Verlage zu verschicken. Schon bald kam die endgültige Zusage. Es ist mir klar, dass auch eine gehörige Portion Glück im Spiel war, denn nur in wenigen Fällen geht die Suche so schnell und positiv zu Ende.

 

aktuell: Können Sie sich noch an Ihre Gefühle erinnern, als Sie Ihr erstes gedrucktes Buch in der Hand hielten?

 

Ingrid Noll: Mein erster gedruckter Roman lag in meinen Armen wie ein neugeborenes Kind. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, dass mein Kinderwunsch noch jenseits der Wechseljahre in Erfüllung gegangen war. Ich schleppte mein Baby tagelang mit mir herum und stellte es abends auf den Nachttisch, damit mein erster Blick am nächsten Morgen wohlgefällig darauf ruhen konnte.

 

aktuell: Wie kamen Sie darauf, ausgerechnet Krimis zu schreiben?

 

Ingrid Noll: Mit einer gewissen Naivität glaubte ich, es sei besonders leicht und für eine Anfängerin die beste Übung, es mit einem Krimi zu versuchen. Inzwischen weiß ich, dass man höllisch aufpassen muss, um sich nicht in den eigenen Fallstricken zu verheddern. Außerdem sollte ein Krimi spannend, psychologisch nachvollziehbar und gut geschrieben sein - Anforderungen, denen man erst einmal gerecht werden muß.

 

aktuell: Ihre Heldinnen töten quasi „nebenbei“, Mord hat den Anschein einer unabwendbaren Notwendigkeit. Verfolgen Sie damit eine bestimmte Intention? Welche?

 

Ingrid Noll: Bis jetzt habe ich - außer bei Kurzgeschichten - stets aus der Perspektive der Täterin geschrieben. Natürlich versuchen meine Heldinnen geschickt, den Leser von ihrer eigenen Schuldlosigkeit zu überzeugen. Sie konnten leider nicht anders, es ergab sich so, das Leben hat ihnen stets übel mitgespielt, sie wurden dazu überredet, die Gelegenheit war günstig - so und ähnlich lauten ihre Entschuldigungen für einen Mord. Meine Intention ist natürlich, aufzuzeigen, was im Kopf meiner Protagonistin abläuft.

 

aktuell: Wie entwickeln Sie einen neuen Roman? Mit oder ohne Konzept?

 

Ingrid Noll: Für einen neuen Roman entwickle ich zuerst die Hauptfigur und dann den roten Faden. Bevor ich auch nur ein einziges Wort geschrieben habe, weiß ich alles über diese Person: Alter, Charakter, Biographie, Aussehen, Hobbys und natürlich ihre geheimsten Wünsche und Träume. Die Handlung ergibt sich dann später beim Schreiben, und die Spannung erwächst aus der Frage, ob die Heldin am Schluss ans Ziel ihrer Wünsche kommt. Ich mache mir aber weder Notizen noch benutze ich ein Archiv oder ähnliches.

 

aktuell: Woher nehmen Sie Ihre Figuren?

 

Ingrid Noll: Meine Figuren sind Menschen, die ich mir gut vorstellen kann: Es ist eine wilde Mischung aus Phantasie, Lebenserfahrung, Menschenkenntnis und kleinen realen Einsprengseln.

 

aktuell: Kennen Sie das Ende vorher?

 

Ingrid Noll: Das Ende meine ich anfangs durchaus zu kennen, aber meistens wird es während des Schreibprozesses noch ein paarmal korrigiert.

 

aktuell: Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Lektorat aus?

 

Ingrid Noll: Die Zusammenarbeit mit meiner Lektorin ist gut. Sie sorgt vor allem für kleine Kürzungen, zu denen ich aus einem unerklärlichen Geiz manchmal nicht fähig bin. Selbstverständlich hat sie Recht, wenn sie mir Wiederholungen wegstreicht. Am Inhalt oder dem Charakter meiner Protagonisten wird grundsätzlich nie etwas geändert. Insgesamt können wir in wenigen Stunden handelseinig werden.

 

aktuell: Wie lange benötigen Sie im Schnitt für die Fertigstellung eines Romans?

 

Ingrid Noll: In der Regel erscheinen meine Romane im Abstand von zwei Jahren. Das bedeutet aber nicht, dass ich die gesamte Zeit nur daran gearbeitet habe. Es gibt oft längere Pausen oder Phasen, in denen ich durch Lesereisen oder andere Aktivitäten gar nicht zum Schreiben komme.

 

aktuell: Im Gegensatz zu Ihren ersten Romanen, die ja von der Kritik und den Lesern durchgängig gelobt wurden, gab es zu Ihrem Roman „Röslein rot“ auch die eine oder andere kritische Stimme. Wie stehen Sie zur Literaturkritik?

 

Ingrid Noll: Zu allen meinen Romane gab es unterschiedliche Kritiken. Erstens sind die Geschmäcker selbstverständlich und Gott sei Dank verschieden, und zweitens muss man damit leben, dass man weder als Person noch als Autor allen Kritikern oder Lesern gefallen wird.

 

Darüber hinaus gibt es Kritiker, durch die man durchaus etwas lernen kann. Es sind nicht jene, die in Bausch und Bogen verurteilen und verreißen. Aber wer wie ein guter Lehrer den Finger an die Wunde legt und sagt: Schau mal, hier hapert es, und da könnte man etwas besser machen!, dem sollte man dankbar sein. Allerdings glaube ich, dass man an Kritik immer ein wenig schlucken muss, vor allem, wenn sie als unfair empfunden wird. Aber länger als drei Tage sollte man nicht mit schlechter Laune herumlaufen, denn so viel Macht über sich selbst muss man keinem Journalisten einräumen.

 

aktuell: Welchen Rat würden Sie einem jungen Autor geben, der sein Manuskript einem Verlag anbieten möchte?

 

Ingrid Noll: Mein wichtigster Rat: Originell bleiben, keine anderen Autoren kopieren oder sich an modische Trends anhängen. Bei der Suche nach einem Verlag sollte man sich gründlich informieren, wo man am besten ins Programm passt. Der Begleitbrief an diesen Verlag sollte die Lektoren neugierig machen. Das Schreiben darf nicht allzu lang sein, muss aber in aller Kürze gut formuliert und interessant sein.

 

aktuell: Frau Noll, ich bedanke mich für das Gespräch.

 

Das Interview führte Nikola Hahn

© Nikola Hahn, 2001, Nachdruck nur mit Genehmigung

 


 

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