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Beschwörungen*

Eine Liebeserklärung an die Lyrik von Theo Czernik (1929 - 2013)

 

 

Wir bemühen uns seit 25 Jahren um das Gedicht. Nicht um hermetisch verschlüsselte Poesie oder gut gemeinte Verschenktexte. Für uns ist Lyrik Auseinandersetzung mit allem, was das Leben bereit hält, Selbstfindung, Kommunikation, Botschaft. Dichtung auch als Arbeit am Wort. 

 

Lyrik gilt als schwer zugänglich, nur wenige beschäftigen sich mehr oder weniger intensiv mit ihr, dabei begegnen wir ihr täglich, denken wir nur an die Songtexte der Rock- und Popmusik, sogar in der Werbung hat sie mit ihrem ins Ohr gehenden Rhythmus und Reim Eingang gefunden. 

Trotzdem sehen Verlage - ohne es laut zu sagen - im Lyriker eine Art persona non grata, denn er stellt für sie ein Wagnis dar, läßt sich doch ein Gedichtband nur mit einer soliden Reihe von Bestsellern und Sachbüchern im Hintergrund ins Auge fassen - ein Spagat zwischen Geld und Geist, falls man sich überhaupt darauf einläßt. Theater, Orchester und sogar TV-Sender erhalten staatliche Subventionen, Verlage dagegen stehen in der Kulturlandschaft im Regen. 

 

Es gibt beim Buchhändler manche gefragte Lyrikausgaben, z. B. von Hilde Domin, Sarah Kirsch oder Paul Celan, aber Bestseller sucht man vergeblich. Das liegt, sagt man, in der Natur der Poesie, an der Ansprechbarkeit des Lesers, der durch einfühlendes Mitschwingen den interseelischen Vorgang im Dichter nachvollziehen soll. Das ist ein absolut subjektives Unterfangen. Aber auf alle Fälle sollte das Buch eine echte Begegnung sein, eine Erfahrung, sonst ist es nur Zeitvertreib, und das ist für den Lyriker zu wenig. 

Gegenwärtig überfluten zu viele austauschbare Bücher den Markt, Bestseller nicht ausgenommen, Gedichtbände dagegen sind einmalig wie die Papillarlinien unserer Fingerkuppen. Gedichte können berühren, sollen und wollen Antworten geben, vermögen zu trösten. Christoph Meckel sagt zwar in seiner "Rede vom Gedicht", das Gedicht sei nicht der Ort, wo das Sterben begütigt, der Hunger gestillt und die Hoffnung verklärt wird, und Marcel Reich-Ranicki meint, trösten und besänftigen könne uns die Lyrik nicht. Und doch kann es niemandem verwehrt werden, Verse auf seine persönlichen Stimmungen anzuwenden, sie als tröstlich zu empfinden, in den Worten eines Fremden sich selbst zu erkennen oder im Gedicht das zu sehen, was wir gerne verdrängen oder vergessen: ein modernes Gebet. (...)

 

Wenn Lyrik eine Randerscheinung ist, dann liegt es an einem kleinen, aber einflußreichen Kreis, der einer experimentellen und zuweilen hermetisch verschlüsselten Lyrik den Vorzug gibt, die für eine dünne Schicht von Insidern bestimmt ist  - an das Interesse einer breiteren Leserschaft wird nicht gedacht, dabei ist es vorhanden. Es liegt am Inhalt. 

Daß man in Buchhandlungen keine Lyrikecken mehr findet, hat noch einen anderen Grund. Heute schafft es kein Buchhändler mehr, seine Titel nur ein halbes Jahr auszustellen, schon rollt die nächste Buchlawine durch das Land und spült gnadenlos alles weg, was nicht im Regal festgeschraubt ist. Dominiert wird der Markt durch Großkonzerne, die mit marktwirtschaftlichem Killerinstinkt andere Verlage an die Wand drücken oder kaufen und damit deren Identität verwässern. Zum Glück macht diese Fusionitis mit ihrer nivellierenden Gleichmacherei vor kleineren Verlagen halt, denn die sind für sie uninteressant mit ihren eigenen Schwerpunkten, die für kleinere Leserzielgruppen gedacht sind. Es sind gerade diese kleinen Verlage, die Farbe in die Szene bringen. In ihrem Umfeld finden Autoren noch eine verlegerische Heimat. (...)

 

Ein Pilotprojekt für unsere spätere Verlagsarbeit war die Anthologie "Lyrik heute", eine Coproduktion mit einem begeistungsfähigen Hockenheimer, Günter Klaus, unter dessen Flagge das lyrische Schiff anfangs segelte. Das Buch bekam beachtliche Rezensionen. Das beflügelte uns, nach dem Umzug von Hockenheim nach Loßburg, einen Gedichtband "Ich lebe aus meinem Herzen" herauszugeben, nun firmiert unter Edition L. L für Lyrik und Loßburg. Diese Anthologie wurde in der Fernsehsendung "Literazzia" im Rahmen der Bestenliste vorgestellt. Die Folge war eine Flut von Manuskripteinsendungen. Das war 1976, der eigentliche Anfang unserer Edition. Bisher erschienen über 200 Bücher. 

Rezensionen, Literaturzeitschriften, Feuilletons, darunter führende Blätter, attestieren uns eine verantwortungsvolle Arbeit, die unseren Autoren zahlreiche literarische Anerkennungen und Auszeichnungen brachte. 

 

1883 veranstalteten wir auf Wunsch von Autoren unsere erste Lyriktagung. (...) Diese "Freudenstädter Lyriktage" sind inzwischen zu einem festen kulturellen Bestandteil der Stadt geworden. (...) Eröffnet werden sie durch literarische Prominenz wie Hilde Domin, Hans-Jürgen Heise, Wolf Biermann, Marcel Reich-Ranicki u.a. Im Rahmen dieser Tagung wird jährlich ein Lyrik-Förderpreis verliehen, der seit dem Tode meiner Frau und Mitverlegerin Inge Czernik nach ihr benannt ist. (...) 

 

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* Auszug aus dem Vorwort zu: Theo Czernik, Beschwörungen - Geleitworte des Herausgebers zu 120 Lyrikausgaben seiner Edition L, 140 S., Czernik-Verlag, 2001, ISBN: 3-934960-08-1 -  Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Theo Czernik. 

 

Zum Interview mit Theo Czernik geht`s hier entlang ...

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