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Worte zum Raritätenkabinett

oder: 

 

Warum die Natur der Gentechnik 

 

zuweilen ein Schnippchen schlägt ...

(Vorwort zum Sortenbuch des Privaten Samenarchivs von G. Bohl, - Auszug - )

 

Jahrtausendelang lebte der Mensch vom Jagen und Sammeln. Vor etwa zehn- bis fünfzehntausend Jahren begannen unsere Vorfahren Pflanzen kontrolliert anzubauen. Zumeist Mutationen, wie süße Kürbisgewächse oder nicht ausstreuende Gräser. Pflanzen, die in freier Natur keine Überlebenschance haben. So entstand eine Symbiose zweier vollkommen unterschiedlicher Lebensformen. Der Mensch konnte erst dadurch Ackerbau und Arbeitsteilung betreiben, Städte gründen und eine Zivilisation aufbauen. Die Nutzpflanzen wiederum brachten es zu einer Vielfalt, die sich nur in menschlicher Obhut entwickeln konnte.

 

Seit der Industrialisierung der Landwirtschaft, staatlichen Eingriffen und der Globalisierung der (Land-)Wirtschaft ist diese Vielfalt jedoch rapide zusammengeschmolzen. Heute bestimmen internationale Konzerne, was Bauern und Farmer anzubauen haben und subventioniert der Steuerzahler die Ernte von uniformen Massenprodukten. Unsere Existenz gerät dabei zum Spielball kommerzieller Interessen. Letztendlich wird derjenige die Welt beherrschen, der die Lebensmittelproduktionen kontrolliert. Uniforme Pflanzen ebnen dabei den Weg.

 

Jahrhundertealte, ja viele tausend Jahre alte Pflanzen werden von Industrie-Sorten verdrängt, die nur unter computergesteuerten Bedingungen wachsen. Spitze der Perversität sind "Terminator"-Pflanzen, die keinen keimfähigen Samen mehr ansetzen, damit sie ja niemand nachbauen kann. Hand in Hand mit den multinationalen Konzernen gehen die Gesetzgeber der EU. Heute entscheiden Bürokraten darüber, was wir essen dürfen. Jedes Kind kann problemlos einige Automarken aufzählen, doch Hand auf´s Herz: Wieviele der noch rund 10.000 Tomatensorten können Sie nennen? Oder wieviele der rund 50.000 Maissorten? In Süddeutschland verlangt man im Laden "Gelbe Rüben", bekommt aber orange(!) Möhren. Und niemand wundert sich darüber! In Italien heißen Tomaten "Pomodore" (Goldapfel), aber im Laden sind die Früchte rot. Bei den Nachkommen der indianischen Hochkulturen Mittelamerikas ist es noch heute üblich, dass auf einem Feld ein paar Dutzend verschiedene Kartoffelsorten wachsen: blaue, rote, gescheckte. Ein indianischer Bauer würde sich kopfschüttelnd von unseren Kartoffel-Äckern abwenden.

 

Die Natur ist derart einfallsreich, dass Gentechniker dagegen wie tollpatschige Waisenknaben erscheinen. Jede noch so ausgefallene Fruchtform und -farbe hat sie schon ausprobiert. Selbst eine bananenförmige, grüne und zudem noch gestreifte Tomate kennen wir. Desgleichen monatelang haltbare Lagertomaten, violette Möhren und knackige weiße Gurken. Im eigenen Garten erlebt man dies natürlich nicht, wenn man jedes Jahr F1-Hybriden im Laden kauft. F1-Hybriden sind das "Ende der Fahnenstange". Gerade ihre Inflation hat verhindert, dass viele Landsorten insbesondere in Mitteleuropa verbessert wurden. Oft haben einheimische Sorten einen immensen Entwicklungsrückstand, weil sich niemand um sie gekümmert hat. F1-Hybriden sind natürlich auch keine Sorten - ein Ärgernis, mit dem man in vielen Fachbeiträgen von Personen mit Professorenwürde und Doktortitel immer wieder konfrontiert wird. F1-Hybriden sind Einzelpflanzen - auch wenn es Milliarden davon gibt. Würde man dies auf das Tierreich übertragen, würde ja mit jeder Schäferhund-Pinscher-Kreuzung eine neue Hunderasse entstehen. 

 

Dass die einst mit vielen Mühen geschaffene Sortenvielfalt auch ein Ausdruck menschlicher Kultur ist, daran scheint man nicht zu denken. Würde jemand die Werke alter Meister von den Wänden reißen und durch digitale Fotos ersetzen, so ergäbe dies einen Aufschrei des Entsetzens. Bei unseren Nutzpflanzen hingegen, von denen viele schon ein biblisches Alter erreicht (und Millionen von Menschen ernährt) haben, ist dies alltägliche Realität. Bei manchen Arten ist die Zahl der Sorten in den letzten hundert Jahren um über 90 Prozent geschrumpft. Unsere Politiker scheint dies nicht zu bekümmern. Selbst einsichtige "Grüne" kommen mit dem Peinlichkeits-Argument, "aber dafür haben wir doch Genbanken, dass nichts verloren geht." 

 

Aha, Genbanken zum Einlagern von Saatgut, das alle Jubeljahre mal wieder ausgesät und vermehrt wird, sollen die Retter in der (Argumentations-)Not sein. Jeder, der auch nur einen Funken Verstand in Sachen Biologie hat, wird wissen, dass sich Lebewesen immer wieder neu beweisen müssen. Leben ist Veränderung. Es genügt nicht, nur mal so da zu sein. Eine mehr oder weniger intensive Anpassung an veränderte Umweltbedingungen ist ein absolutes Muss allen Lebens. Noch in Brehms Tierleben war die Amsel ein scheuer Waldvogel und heute zerstochern die Vögel jedes frisch angelegte Gartenbeet. Und hätten wir heute Farbfernsehen, wenn alle Schwarzweiß-Fernseher samt zugehöriger Fabriken und Technologie eingelagert worden wären? 

 

Unsere Nutzpflanzen sind keine toten Kulturgüter sondern Lebewesen. Hinzu kommt eine gegenseitige, symbiotische Abhängigkeit von Mensch und Kulturpflanze. Man kann nicht einfach Mais oder Bohnen aussäen und erwarten, dass diese sich nun selbst erhalten würden. Insofern sollten wir wissen, dass mit jeder Sorte, die ausstirbt, auch ein Steinchen aus dem Fundament unserer Existenz bricht. Irgendwann ist der Schaden nicht mehr zu reparieren. Dann haben wir den Ast, auf dem wir sitzen, selbst abgesägt. 

 

Es ist nicht verwunderlich, dass gerade nach den großen Futtermittelskandalen (Sie erinnern sich noch an BSE?) kein Strukturwandel in der Landwirtschaft stattgefunden hat. Natürlich würde auch in vielen Regionen Deutschlands Soja wachsen. Aber leider sind viele der geeigneten Sorten hierzulande nicht zugelassen, und so ein Zulassungsverfahren dauert und kostet. Und es ist ja auch leichter, einen Strukturwandel zu fordern als die notwendigen Grundlagen dafür zu schaffen. Im Prinzip wollen und können dies unsere PolitikerInnen auch nicht. Während die einen ihre innige Verbundenheit mit diversen Interessengruppen nicht riskieren wollen, sind andere am Pflasterstrand der Großstädte herangewachsen und glauben vielleicht tatsächlich, dass Tomaten rot, Auberginen violett und Möhren orange seien. Unsere Vorfahren hätten sich totgelacht über diese Beschränktheit. 

 

Woher sollen die Verbraucher denn wissen, wie eine richtige Tomate schmeckt, wenn sie schon in der dritten oder vierten Generation nur Einheitsfutter erhalten haben? Heute ersetzen Litchis, Mangos und andere Exoten die regionale Vielfalt. Selbst ältere Menschen haben noch nie eine violette Möhre gesehen oder noch nie eine gelbe, weiße oder gestreifte Tomate gegessen. Selbst Hirse, über Jahrhunderte in unseren Breiten angebaut, kennt kaum jemand mehr. 

 

Vielleicht sind die Gründe, weshalb eine Sorte entwickelt wurde, nicht immer im Detail nachvollziehbar - theoretisch könnte es auch reiner Spieltrieb gewesen sein. Doch ist jede Sorte ein Ergebnis und eine Bereicherung menschlicher Kultur und hat einen (vielleicht im Moment noch nicht abschätzbaren) Wert als genetisches Kleinod. Dass wir heute wo viele der alten Sorten nicht mehr kennen, ist auch Folge einer totalen Entfremdung von der Natur, dem Unwissen über ökologische Zusammenhänge, der Bevormundung des Staates und einer damit verbundenen Geringschätzung von Vielfalt. Das Wissen über die Vermehrung von Pflanzen konzentriert sich auf wenige Großbetriebe, die in klimatisch begünstigten Regionen unserer Erde "produzieren" lassen. Regionale Angepasstheit der Pflanzen fällt dabei unter den Tisch. Es geht doch nicht an, dass wir die Sorten, die unsere Vorfahren entwickelt haben und von denen sie gelebt haben, heute genehmigen lassen müssen. Ein Blick ins Saatgutverkehrsgesetz zeigt, worum es geht: Dort findet man nämlich vornehmlich Arten, die im großen Stil gehandelt und von der Lebensmittelindustrie verwendet werden. Mit Verbraucherschutz hat das nichts zu tun. Jeder sollte doch selbst entscheiden können, welche Sorte er anbaut. 

 

Weder ist das Alte besser als das Neue noch umgekehrt. Beides muss miteinander verknüpft werden. Daher kennt unser Sortenbuch keine Uniformität. Neben zahlreichen alten und historischen, oft schon vergessenen Sorten, werden Sie überraschende Neuerungen finden, die langsam in unsere Gärten Einzug halten. Durch den Anbau im eigenen Garten können Sie mithelfen, die einen bekannter zu machen und die anderen zu erhalten. 

Gerhard Bohl

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von G. Bohl.

 

 

Bitte beachten Sie: Ich unterstütze als Vermehrerin einiger alter Tomatensorten (privat und völlig uneigennützig!) das Private Samenarchiv, aber mit dem Archiv selbst, der Versendung von Infomaterial oder Saatgut, habe ich nichts zu tun. Ich selbst versende auch kein Saatgut. Ich kann daher weder Anfragen noch Anmerkungen zum Samenarchiv beantworten oder weiterleiten. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis.

 

 

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"Tomaten - Anbau und Vermehrung alter Sorten"

 

 

 

 

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