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"Wolfi genial" - Warum Goethe nie verfilmt wurde

Tragödie in einem Akt

 von

 Fred Breinersdorfer

 

(Ausschnitt aus einem Vortrag  gehalten auf dem XVII. Münchner Symposion zum Film- und Medienrecht "Urheberrechtsreform zur Stärkung der Stellung des Filmproduzenten“ (Der kreative Produzent) des Instituts für Urheber- und Medienrecht am 4.7.2003 in München.) 

  

Typisches Ambiente eines Produzentenbüros: ein Schreibtisch mit Drehbuchstapeln und Dispobergen. Colabüchsen. Ein Weinglas von gestern. Ungeöffnete Briefe, unter anderem von der Finanzverwaltung und von Schauspieleragenturen. Neben dem Schreibtisch, altarartig, ein Sideboard mit einigen wenigen Filmpreisen und Nominierungsurkunden dazwischen ein Souvenir-Oscar-Fake in Plastikgold.

johann wolfgang von goethe nimmt einen Termin mit einem Produzenten und einem Redakteur, sagen wir einer privaten Sendeanstalt, wahr. Gegenstand ist die Verfilmung seines Werkes »Faust - Der Tragödie erster Teil«, für das Fernsehen. Goethe in schwarzem Anzug mit T-Shirt, der Produzent im hellen zerknitterten Sommeranzug, kein Schlips, der Redakteur in Jeans und Golfhemd mit NYC-Baseballkappe. Die drei sitzen an einem polierten Besprechungstisch mit Aschenbecher, Kaffee, Whiskey und Tagungsgetränken.

Johann Wolfgang, den sie kurz und sportlich Wolfi nennen, hat die erste Fassung seines Drehbuchs vorgelegt und bespricht sie mit dem Produzenten und dem Redakteur.  Der Produzent beginnt:

 

Produzent: Wolfi, klasse Buch, muss ich wirklich sagen, nichwa-ja, überhaupt kein Problem damit. Aber Du weißt, Film ist was anderes als Theater. Lass uns doch einfach noch mal einen Blick auf die Figuren werfen, bevor wir das Buch Seite für Seite durchgehen und schauen, ob wir das nicht noch ein bisschen besser hinkriegen.

 

Goethe lehnt sich zurück und erwartet den Angriff. Der Redakteur, dehnt die Finger, um die Gelenke knacken zu lassen, verzichtet aber in letzter Sekunde auf die Geste der Entspannung.

 

Redakteur: Wolfi, mein Sender setzt seit kurzem auf einen von ihm gelabelten Trend zum „Neuen Klassiker“, weil, laut SPIEGEL, klassische Werte in unserer Gesellschaft und der Familie zunehmend wieder modern werden und klassische Geschichten emotional erzählt werden können und ziemlich bekannt sind.

 

Produzent: Quasi zuschauerzentriert sagt der Sender, nichwa-ja. Und da liegt gewissermaßen der Haken, Wolfi.

 

Goethe: Haken?

 

Produzent (voller Nachsicht): Wolfi, welche Geschichte willst Du eigentlich erzählen, damit sie bei denen verstanden werden, die wir erreichen wollen? Diese Liebesgeschichte zwischen Heinrich und Gretchen? Hat ja was. Oder die Esoteriknummer, dass da einer mit dem Teufel kämpft, nichwa-ja?

 

Redakteur (eindringlich): Woooolfi, überleg Dir doch genau, will unser Publikum in unserer Zeit wirklich was vom Teufel hören? Ich meine vom richtigen, wahren Bösen, will das Publikum so was Düsteres?

 

Goethe beginnt Whiskey zu trinken, er will etwas einwenden, doch der Produzent legt ihm beschwörend die Hand auf den Unterarm (den freien, nicht den, mit dem Goethe das Whiskeyglas hält.)

 

Produzent: Wolfi, wollen die Leute, wenn sie abends von der Arbeit kommen und die Glotze aufdrehen, echt was mit dem Teufel zu tun haben? Wenn du mich fragst, nein. Nur das Böse als Fake zieht. Nichwa-ja!

 

Redakteur: Der Mord im Krimi zum Beispiel. Unsere Zuschauer gehen heute ja noch nicht mal in die Kirche wegen dem Göttlichen oder so, und dann Mephisto abends im Wohnzimmer … nee. Esoterik ist Minderheitenprogramm.

 

Produzent: Also Wolfi, überleg Dir das mit dem Teufel gut.

 

Goethe zieht sein Manuskript ein Stück weit zu sich. Der Redakteur springt dem Produzenten erneut zur Seite.

 

Redakteur: Wolfi, okay, es ist ja auch echt genial, dramaturgisch gesehen, den Teufel als Gegenspieler zu haben. Gegenspieler machen einen Film hart, machen ihn interessant. Und was gibt es genialeres als den Teufel persönlich als bad guy? Aber überleg Dir mal, ob das die Geschichte ist, die wir wirklich erzählen wollen.

 

Produzent (mit Seitenblick auf den Redakteur): Ich bin ja der letzte, der auf Quoten schielt, hab´ ich noch nie was drauf gegeben, bin ich bekannt für, nichwa-nich. Aber die Zuschauer müssen doch auch irgendwo ein bisschen eingefangen werden für das, was wir zeigen.

 

Goethe nickt zustimmend.

 

Goethe: Das habe ich auch immer …

 

Redakteur (unterbricht): Guck mal Wolfi, in letzter Zeit zeigen unsere Quoten – also du weißt, ich guck da schon hin, aber nur gezwungenermaßen, im Senderinteresse sozusagen - die Quoten zeigen, dass Liebesgeschichten richtig gut gehen. Und du hast in deinem Buch eine wuuunderbare Liebesgeschichte angelegt. Nimm doch einfach mal für die zweite Fassung probeweise den Mephisto raus und konzentriere Dich auf die Geschichte zwischen Gretchen und Heinrich.

 

Goethe schenkt sich nach.

 

Produzent: Ist ja rührend, wie Du das geschrieben hast, dieses Gretchen. Aber jetzt guck mal genau hin, passen die denn überhaupt zusammen; das kleine Gretchen und Heinrich? (Pause) Er kommt aus Leipzig und das Mädchen kommt vom Lande! (Pause) Nichwa?

 

Redakteur: Nimm mal nur so als Beispiel Julia Roberts und Hugh Grant in „Notting Hill“, da war Julia Roberts ein Weltstar!

 

Produzent: Und du zeigst uns ein kleines naives Mädchen vom Land, vielleicht auch noch minderjährig.

 

Goethe unterbricht seinen Spirituosenkonsum.

 

Goethe: In Notting Hill ist Hugh Grant auch nur ein kleiner Buchhändler.

 

Produzent: Aber aus London!

 

Redakteur: Apropos Heinrich, also da geh´ ich jetzt doch mal ins Buch. Da schreibst Du, es sind Deine Worte Wolfi: „Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin studiert mit heißem Bemühen. Hier stehe ich nun“ – schreibst Du wörtlich – „ich armer Tor und bin genauso klug als wie zuvor“.

 

Produzent: Dieser Heinrich weiß doch in deinem Drehbuch nicht, was er will! Ist das wirklich die emotionale Identifikationsfigur, die unser Publikum von uns verlangt?

 

Goethe verschließt die Whiskeyflasche, schiebt sie ablehnend von sich und packt sein Skript ein. Der Redakteur kann Goethes Körpersprache deuten, er sucht die Nähe des Autors, indem er sich zu ihm beugt und sich lächelnd Goethes Gesicht nähert, dass der Schirm seiner NYC-Kappe fast dessen Stirn berührt.

 

Redakteur (sehr sanft, einfühlsam): Wolfi, die Figur muss klaaaarer sein, Heinrich muss wissen was er will. Nicht zweimal promovieren.

 

Produzent: Zweimal Promovierte sind grundsätzlich Versager, guck Dir den Barschel an. Wir brauchen eine klar emotional ausgerichtete Figur. Warum ist der Mann nicht Arzt, frage ich Dich? Chefarzt und Professor? Heinrich als Professor und Doktor, da hast Du auch zwei akademische Titel.

 

Redakteur (abschmeckend): Chefarzt Professor Doktor Heinrich Faust. Daaas hat Niveau, auch wenn er aus den neuen Bundesländern stammt.

 

Produzent: Nichwa, und dann graden wir Gretchen noch ein bisschen auf. Warum soll die nicht Juristin sein statt ne kleine Landpomeranze?

 

Redakteur: Juristen sind heute doch die wahren Gegner der Menschheit. Nicht der Teufel. Hast Du schon mal prozessiert, Wolfi?

 

Goethe: Bin selber Jurist.

 

Redakteur: Wusste ich nicht. Klasse! Dann schreibst du das bestimmt auch total authentisch. Das bringt Quote.

 

Produzent (wägend): Gretchen Juristin? Ja, hat was. Universitätsmilieu. Er Chef einer Uniklinik, sie vielleicht sogar Justiziarin.

 

Redakteur (in Emphase): Sie macht ihm irgendwelche Vorschriften, dass er fürchtet, seine Patienten müssen leiden, (sich steigernd) vielleicht noch besser der Tod droht.

 

Lässt nun die Fingergelenke mit einer Bewegung knacken.

 

Produzent: Nehmen wir ne Kinderklinik. Kinderklinik ist gut. Sehr emotional! Und Heinrich wehrt sich gegen die Juristenkackerei von Gretchen.

 

Goethe trinkt wieder und schaut sehnsüchtig zum Ausgang.

 

Redakteur: Jetzt hast du alles was du brauchst, Emotion, Haltung, Konflikt, Thema.

 

Produzent: Und gaaaanz langsam kommen sich die zwei näher und näher. Nichwa-ja!

 

Redakteur: Gaaaanz langsam. Je nach Besetzung siehst du sowieso gleich am Anfang: die beiden sind’s.

 

Produzent: Love Love!

 

Redakteur: Gretchen ist der aktivere Teil, unsere Zuschauerinnen lieben aktive Frauen, Gretchen überwindet alle Hindernisse und Schranken und beide landen am Schluss gemeinsam in der Kiste, nicht wie bei dir mitten im Stück. Letzte Einstellung mit einer großen Musik.

 

Produzent: Babababah!

 

Redakteur: Und drei Erotikpunkte bei TV-Movie.

 

Produzent: Das ist es doch, nichwa!

 

Redakteur: Heureka, sozusagen.

 

Produzent: Wolfi, spürst du nicht selbst, dass diese Geschichte viel mehr Drive hat, spürst du sozusagen ihren Atem? Und guck mal an, die Fernsehaufzeichnung von deinem Faust ist schon seit Jahren nicht mehr wiederholt worden.

 

Redakteur: Ist doch sonnenklar warum.

 

Closeup auf Goethe, dem wir ansehen, dass jetzt alles sonnenklar ist.

 

  

© Fred Breinersdorfer - www.breinersdorfer.com

 

Fred Breinersdorfer arbeitet als Buch- und - vor allem - als Drehbuchautor (u. a. "Der Hammermörder", "Die Hoffnung stirbt zuletzt" und der Tatort-Klassiker "Zweierlei Blut"). Er wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

 

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